Schwiegersohn in spe Nr. 1 – Seite 3

Der Abreisetag rückt immer näher. Die Liebenden versprechen sich, ewig zusammenzubleiben und sich die Treue zu halten, das Versprechen wird untermauert mit Freundschaftsringen (bezahlt, selbstverständlich, na, von wem wohl?).

Da ich keine Zeit habe, D. zum Flughafen zu fahren, organisiere ich eine Fahrt mit einem Sammelbus und begleite ihn noch zum vereinbarten Treffpunkt. Leider taucht der Bus nicht auf. Notgedrungen rufe ich ein Taxi. Die Taxifahrt kostet ungefähr 60 Dollar, aber sicherheitshalber gebe ich ihm 200 Dollar mit. Er verspricht, den Restbetrag zu überweisen oder S. bei ihrem nächsten Besuch in Europa zurückzugeben. Erleichtert winke ich dem davonfahrenden Taxi nach und bin froh, dass es erstmal vorbei ist. Nach seiner Rückkehr nach Europa wird D. sich einen Job suchen und mir nicht mehr auf der Tasche liegen. Wishful thinking?

Mein Schwiegersohn in spe ist wieder zuhause. Täglich wird trotz 6 Stunden Zeitunterschied stundenlang telefoniert, das funktioniert, weil D. ja noch keine Arbeit hat und erst anfängt, Bewerbungen zu schreiben. Also alles im grünen Bereich? Nicht ganz, denn falls D. zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden sollte, hätte er erstmal ein Problem...

Was sollte er zum Gespräch anziehen? Er hat weder Anzug noch Krawatte. Er hat auch kein Geld für Fahrtkosten. Selbst wenn er diese erstattet bekommt, müsste er sie erst einmal vorstrecken. Er hat niemanden, der ihm Geld leihen könnte. Seine Mutter ist Pflegehelferin und knappst selbst am Existenzminimum. Zu seinem Vater hat er seit dem Kleinkindalter keinen Kontakt mehr. Sonstige Verwandte oder Freunde, die ihm helfen könnten, hat er nicht. Fast müsste man sagen, er ist ganz allein auf der Welt... denn nun hat er, nach seinen eigenen Worten, eine "zweite Mutter" gefunden, die ihn mit Rat und Tat und vor allem erst einmal mit Geld unterstützt.

Er bittet mich, nein, er fleht mich an, ihm 1000 EUR zu leihen. Damit wird er sich für die hoffentlich bald stattfindenden Vorstellungsgespräche einkleiden und die entsprechenden Fahrtkosten bestreiten können. Mit der Rückzahlung wird er beginnen, sobald er das erste Gehalt hat! Ich überweise das Geld. Dummheit oder eine sinnvolle Investition in die berufliche Zukunft eines jungen Mannes, der bisher nie auf der Sonnenseite des Lebens stand? Man wird sehen...


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